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Während ich müde den Stuhl hinter mich schob, um aufzustehen,
fiel mein Blick auf die Tür-Beschriftung: Herby H. Hank, Privat-Detektiv
stand da. Ich schnaubte verächtlich durch die Nase - es war ein schmutziger
Job. Täglich schnüffelte ich im Internet untreuen Frauen hinterher,
die sich VPDs (Very Private Datas) wildfremder Jungs in ihren Fun-Stick
luden - oder ihre eigenen Daten zur Verfügung stellten, damit irgendwelche
Typen Nachschub für ihren Fun-Ring hatten - sehr zum Mißfallen
der Ehemänner. Das störte mich auch nicht weiter, mich wunderte
eher, daß es überhaupt noch sowas wie "Ehe" und "Zweierbeziehungen"
gab ...
Inzwischen
hatte ich mich auf den Weg zu meiner Lieblingslingsbar begeben und hing
meinen Gedanken weiter nach. Wie hatte das damals eigentlich bei mir begonnen?
Ja, ich erinnerte mich noch genau, während ein Lächeln über
meine Lippen glitt: In eine Clare, eine Französin, war ich damals
in den 90ern unsterblich verbliebt gewesen, aber natürlich viel zu
schüchtern, um sie anzusprechen. Gut, ich war schon immer ein Spätzünder:
Die ersten Computererfahrungen sammelte ich mit 11 und mit 16 war ich
immer noch Jungfrau.
Aber dann ging es Schlag auf Schlag! Mit 17 schrieb ich meinen ersten
Computervirus ("I Hate You" ist noch heute in den Geschichtsbüchern
zu finden), wurde daraufhin prompt vom BND eingestellt, der mich aber
bald darauf rausschmiß, weil ich die gelöschten Finanz-Daten
der CDU in meiner Freizeit rekonstruierte (das war damals eine größere
politische Partei, kennt heute aber niemand mehr). Okay, ich wurde mit
offenen Armen in einer Internet-Firma aufgenommen und hatte immerhin meine
2 - 3 Millionen Euro mit 19 in der Tasche. Das war damals schon was!

Mein Durchbruch kam, als ich ein kleines unscheinbares Tool erfand, mit
dem die System-Abstürze bei Windows der Vergangenheit angehörten
(Windows war ein Betriebssystem, das erheblich mehr Leute kannten, als
die oben erwähnte Partei - daher werden sich manche noch heute an
den Namen erinnern; in Punkto Abstürze waren die beiden Dinge allerdings
vergleichbar). Der Aktienkurs unserer Firma stieg ins Unermeßliche,
ich konnte die Milliarden bald nicht mehr zählen. Zeitweise wurde
ich richtig bürgliche, legte mir diverse Piercings zu und dachte
allen Ernstes
daran, den Abend statt mit einem Computer mit einer Frau zu verbringen!
So war ich leichte Beute für Moni. Sie war 4D-Programmiererin,
zwei Türen neben meiner. Wenn ich ihr über die Schultern schaute
und sah, mit welcher Geschwindigkeit sie poplige 3D-Gitter mit Chaos-Algorithmen
überzog, durchfuhr mich ein Schauer. Es dauerte nicht lange, und
wir kamen uns näher. Damals tauschte man nicht sofort seine VPDs
aus, sondern berührte sich anfangs körperlich: Anfassen, durch
die Haare fahren, zärtliches Streicheln, sogar Küsse gab es.
Erst, wenn es zum Letzten kam, wurden die Opti-Discs mit den Daten ausgetauscht
(der Datenbeam über das Internet kam erst einige Jahre später
in Mode). Glücklich ging ich mit der Opti-Disc von Moni nach Hause
und hatte die wildeste Nacht meines Lebens!
Inzwischen war in der Blue-Chip-Bar angekommen. Es war noch eine richtig
altmodische Bar: keine Bildschirmfolien, keine Laser-Räume - nur
ein paar Stühle, Tische, eine lange Theke
und ein ausgesprochen gutes Whiskey-Sortiment. Wie üblich waren nicht
viele Leute anwesend - wer konnte es sich schon leisten, abends nicht
am Computer zu arbeiten? Nur reiche Leute. Entsprechend wurde ich
gleich von der schwarzhaarigen langbeinigen ins Visier genommen. Ich lehnte
mich an die Theke und ließ meine Gedanken weiter schweifen. Wenn
die wüßte! Die hielt mich für irgendwas Einflußreiches:
Müllmann, Inter-Shop-Austräger oder etwas ähnlich Großartiges.
Ich rief meine Bestellung in die dunkle Ecke, in der ich die Barkeeperin
vermutete, war mit meinen Gedanken aber schon wieder weit weg, als mir
der Wild Turkey hingestellt wurde.
Austräger - das wär' was! Nein, es ging damals alles sehr schnell,
so um 2005 herum. Meine Firma wurde von Microsoft verklagt, da plötzlich
niemand mehr Lust hatte, die Nachfolge-Versionen von Windows zu kaufen.
Das Zeug funktionierte ja tadellos - dank meines Tools! Ich hatte also
den Zusammenbruch von Microsoft verursacht, ohne es zu wollen (na ja,
ein bißchen vielleicht - denn das Tool hatte ich vorsichtshalber
auf einem Mac entwickelt). Über Nacht verlor ich mein ganzes Geld
und wurde ein, zwei Jahre wie ein Aussätziger behandelt. Aber dann
folgten mir alle meine ehemaligen "Freunde". Computer-, Multimedia-
und Internet-Arbeit war plötzlich nichts mehr wert. Die Kids klickten
bereits in der Vorschule ihre ersten Programme zusammen, wer es auch nur
bis zum SP schaffte (= Simple-Grade, in meiner Jugend hätte
man das Hauptschulabschluß genannt) beherrschte von der Systemadminstration
bis zur einfachen Interferenz-Programmierung praktisch alles. Wenn
die 35jährigen Väter zu Hause ihren Grundschulkindern was von
"Homepage", "Flash", "Mpeg8" oder gar "Java"
vorplapperten, lächelten diese nur mitleidig. Die neuen Programmierungsmethoden
schaffte keiner, der mal die 30 überschritten hatte - aber zu Hilfsdiensten
(wie Webmaster, Screendesigner oder Sys-Admin) war er vielleicht gerade
noch tauglich. Entsprechend niedrig wurden diese Dienste bezahlt - unter
14 Stunden Arbeit am Tag konnte man sich meist nicht am Leben erhalten.
Das war nicht weiter schlimm: Die meisten Eltern hatten damals in Start-Ups
begonnen und kannten daher gar keinen anderen Tagesablauf. 90 % der Bevölkerung
saßen oder standen inzwischen tagtäglich vor ihren Bildschirmfolien
- daher gehörten NSWs (= No-Screen-Workers) zur gehobenen
Schicht.
Ich kannte
dieses Gefühl. Ich beschloß, die trübsinnigen Gedanken
wegzuwischen und meine Umgebung wieder wahrzunehmen. Jetzt erst sah ich,
daß die neue Barkeeperin mich unablässig musterte. Auf meinen
fragenden Blick hin kam sie näher und schaute mir lächelnd in
die Augen.
"Aber 'erbert", sagte sie mit einem französischen Akzent,
"erinnerst Du Dich nischt? Wir sind als Kind doch auf die gleiche
Schule gegang'n." Tatsächlich - es war Clare! Eine andere Haarfarbe
hatte sie, richtig erwachsen war sie geworden - und mein Herz schlug genau
wie damals. Innerhalb weniger Minuten waren wir in ein intensives Gespräch
vertieft, das Clare nur gelegentlich und widerwillig wegen der Bestellungen
unterbrach. Es war herrlich, sich mit ihr zu unterhalten und ich war
mir ganz sicher, als sie die Bar abschloß, daß sie mir nun
den Code geben würde, damit ich zu Hause ihre VPDs abrufen konnte.
Aber nichts geschah. Ich begleitete sie noch ein Stück des Weges
und fragte schließlich vor ihrer Tür, ob sie mir nicht den
Code geben würde. Sie sah mir lange in die Augen und sagte dann:
"Aber 'erbert" - mir lief es wieder kalt den Rücken
runter - "isch 'abe gar keinen Code!" Für einen Moment
stand ich völlig verblüfft mit offenem Mund da und wußte
nicht, was ich sagen sollte. Sie ergriff einfach meine Hand und sagte,
während sie aufschloß: "Isch werde Dir zeigen, wie man
es ganz ohne Code machen kann." Dann zog sie mich in den Flur und
schloß die Tür. Falls jemand draußen vorbeiging, wird
er vielleicht noch meine zweifelnde Frage gehört haben "Du meinst,
den Code cracken? Aber das geht nicht - ich habe meinen Fun-Ring nicht
dabei. Und überhaupt, wie soll ..." Doch sie verschloß
mir den Mund - auf die gute, gute altmodische Art und Weise. Auch alles
Weitere war überaus altmodisch - und überaus wunderbar. Wie
glücklich müssen die Menschen vor der Erfindung des Internets
gewesen sein!
© H. Hertramph/maennerseiten.de 2000
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